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Liebe Leser:innen,

 

am 18. April 2026 ist Hildegard Krützfeld-Junker im Alter von 95 Jahren gestorben. Ihrem langjährigen musikpädagogischen Engagement und Wirken ist es zu verdanken, dass unsere Zeitschrift seit inzwischen mehr als zwei Jahrzehnten ein sicheres Zuhause hat. Bis zuletzt begleitete Hildegard Krützfeld-Junker die Geschicke dieser Zeitschrift mit verlegerischem Wohlwollen und fachlichem Inte­resse – jede neue Ausgabe fand den Weg in ihre Senioren­residenz. Die drei Nachrufe zu Beginn dieses Heftes sind ihrer musikpädagogischen Lebensleistung gewidmet und zugleich Ausdruck eines tief empfundenen Dankes aller Autor:innen, Leser:innen und der Herausgebenden der Diskussion Musikpädagogik.
Mit der vorliegenden Ausgabe greift die Zeitschrift ein Themenfeld als inhaltlichen Schwerpunkt auf, das im musik­pädagogischen Alltag allgegenwärtig, wissen­schaftlich bislang jedoch nur punktuell behandelt worden ist (Krause & Oberhaus, 2012; Vogt, 2013, 2014). Der Zusammen­hang von Musik, Musikunterricht und Emotion erweist sich bei näherer Betrachtung als vielschichtig und perspektivenabhängig. Unterschied­liche disziplinäre Zugänge sowie das oft eigenständige Neben­einander von musikpädagogischer Praxis und musik­pädagogischem Forschungsdiskurs tragen dazu bei, dass sich kein einheitliches Bild ergibt.
Der einleitende Beitrag von Oliver Krämer und Maximilian Piotraschke versteht sich daher als Versuch eines Überblicks über das komplexe Verhältnis von Musik, Musikunterricht und Emotion aus psychologischer, philo­sophischer, neurowissenschaftlicher und musikpädagogischer Perspektive. Im Zentrum steht die These, dass sich musikalisches Lernen stets im Spannungsfeld zwischen reflexivem Verstehen und affektivem Ergriffensein vollzieht und Musikunterricht Räume eröffnen muss, in denen ästhetische Erfahrungen nicht nur erlebt, sondern auch sprachlich reflektiert und biografisch eingeordnet werden können.
Steffen Kluck nähert sich dem Thema anschließend aus neophänomenologischer Perspektive. Musik erscheint in seinem Beitrag als potenziell manipulative Kraft und zugleich als Möglichkeit kritischer Selbst- und Welterschließung durch bewusste Reflexion der eigenen Leiblichkeit.
Ausgehend von einer tätigkeitsorientierten Bestimmung des Musikunterrichts diskutiert Hans Jünger die Bedeutung musikalischer Emotionen für Identitätsbildung und emotionalen Ausdruck. Dabei erweitert er den Blick über den traditionellen Fokus auf europäische Kunst­musik hinaus auf die Vielfalt musikalischer Praxen.
Um grundlegende didaktische Herausforderungen des emotionalen Lernens geht es im Beitrag von Frank Dorn. Anhand ausgewählter Unterrichtsmodelle und eigener Praxiserfahrungen zeigt er, wie emotionale Wahr­nehmungen von Lernenden und Lehrenden musikpäda­gogisches Handeln prägen und produktiv berücksichtigt werden können.
Julia Lutz untersucht die Bedeutung von Emotionen und musikalischer Praxis für die Grundschule. Ihr Beitrag zeigt auf, wie emotionale Erfahrungen mit Musik sowohl in den Unterricht als auch ins schulische Zusammenleben integriert werden können, und beleuchtet, welche Rolle sie dabei für gemeinschaftliche Prozesse spielen.
Vera Trottenburg widmet sich der emotionalen und leiblichen Dimension musikalischer Erfahrung in der Szenischen Interpretation. Auf der Grundlage qualitativer Interviews arbeitet sie heraus, wie intensive Formen des Mitfühlens und Involviertseins ästhetische Erfahrungs- und Bildungsprozesse bei Schüler:innen anstoßen können.
Mit der Rolle von Emotionen im Instrumental- und Gesangsunterricht beschäftigt sich Silke Lehmann in ihrem Beitrag. Unter Rückgriff auf entwicklungs- und musikpsychologische Ansätze plädiert sie für körperorientierte und imaginative Unterrichtsformen, beschreibt Wege zur Gestaltung musikalischen Ausdrucks und hebt die Bedeutung von Freude als grundlegende Dimension des Musizierens hervor.
Daniel Fiedler beleuchtet das Heftthema aus musikpsychologischer Perspektive mit besonderem Fokus auf Lern- und Leistungsemotionen. Sein Beitrag verbindet theoretische Modelle emotionalen Erlebens mit praxisbezogenen Überlegungen zur Gestaltung emotional förderlicher Unterrichtssituationen und berücksichtigt dabei sowohl die Schüler:innenperspektive als auch die bislang wenig untersuchten Emotionen von Musiklehrkräften.
Der abschließende Online-Beitrag von Oliver Krämer und Maximilian Piotraschke untersucht die emotionale Verfasstheit von Musiklehramtsstudierenden vor ihren ersten Praxiserfahrungen. Dabei wird deutlich, dass Vorfreude und Begeisterung häufig mit Unsicherheit und Angst einhergehen. Zugleich hebt der Beitrag das Potenzial reflexiver Schreibprozesse hervor, emotionale Selbstwahrnehmung zu fördern und professionelle Orientierung zu unterstützen.
Der Magazinteil dieser Ausgabe enthält einen Bericht von Crispin Scholz und Sebastian Berck über das hochschulübergreifende Seminar Musikpädagogik, das in diesem Jahr an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg stattfand, sowie eine Rezension von Bernhard Weber zu den von Oliver Korte herausgegebenen Gesammelten Schriften des Komponisten Dieter Mack. Für die gemeinsame Herausgabe dieses Heftes gilt Maximilian Piotraschke ein besonderer Dank.

 

Maximilian Piotraschke (als Gastmitherausgeber dieses Heftes),
Rebekka Hüttmann, Oliver Krämer und Annette Ziegenmeyer

DMP 110: Musik, Musikunterricht und Emotion

Artikelnummer: DMP-Heft-110
14,50 €Preis
inkl. MwSt. |
Anzahl
  • Nachruf – Zum Gedenken an Hildegard Krützfeldt-Junker (1930 – 2026)

    • Wilfried Gruhn
      23 Jahre Diskussion Musikpädagogik
    • Bernd Clausen & Alexander Cvetko & Timo Maul
      Eine „Weggefährtin durch das üppig wuchernde Gestrüpp der Musikpädagogik“
    • Clemens Kühn
      Ein Abschiedsgruß

    Musik, Musikunterricht und Emotion

    • Oliver Krämer & Maximilian Piotraschke
      Musik, Musikunterricht, Emotion und Gefühl
      Ein Essay
    • Steffen Kluck
      Musikhören als Leibpädagogik
      Über aufklärerische Potenziale in der Musik
    • Hans Jünger
      „Wie wirkt das auf euch?“
      Gefühle im schulischen Musikunterricht
    • Frank Dorn
      Emotionen im Musikunterricht
      Grundsätzliche didaktische Überlegungen aus einer schulpraktischen Perspektive
    • Julia Lutz
      Emotionen Raum geben
      Perspektiven auf Musik in der Grundschule
    • Vera Trottenburg
      „Erst wenn ich (mit-)fühle, erfahre (und verstehe) ich“
      Emotionen als zentrales Moment musikalischer Erfahrung in der Szenischen Interpretation von Musik und Theater
    • Silke Lehmann
      ‚Könntest du nicht etwas Gefühl in diese Musik reinlegen?‘
      Wege zur Ausdrucksgestaltung im Musizierunterricht
    • Daniel Fiedler
      Emotionen in Lern- und Leistungskontexten des schulischen Musikunterrichts aus psychologischer Perspektive

    Musik, Musikunterricht und Emotion (Online)

    • Oliver Krämer & Maximilian Piotraschke
      Schulpraxis?
      Emotionale Ambivalenz von Musiklehramtsstudierenden mit Blick auf das Berufsfeld Schule
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