Liebe Leser:innen,


orientieren sich Unterrichtsplanung und -gestaltung in den naturwissenschaftlichen Fächern und in den einzelnen Fremdsprachen zumeist an einer von Schulbüchern vorgegebenen inhaltlichen Progression, so stellt sich die Situation im Fach Musik anders dar. Einer Vielzahl an Schulbüchern, die auf der Basis einer insbesondere in Deutschland gepflegten und gewachsenen, breiten Schulbuchtradition entstehen, steht die Beobachtung gegenüber, dass Musiklehrkräfte ihren Unterricht vor allem individuell gestalten möchten und daher auf Schulbücher eher im Sinne eines Steinbruchs zurückgreifen. Schulbücher im Musikunterricht werden also weniger als permanent begleitendes Medium zur Unterrichtsplanung und -gestaltung eingesetzt, sondern geben vielmehr punktuelle Impulse in Bezug auf ein spezifisches Themenfeld, das im Unterricht erarbeitet werden soll. Mit Blick auf die Frage, was Musikschulbücher leisten sollen, wird der in der Musikpädagogik vergleichsweise überschaubare Stand der Schulbuchforschung deutlich, der seit Hans Jüngers ausführlichem Forschungsüberblick (Jünger, 2006) nicht sehr angewachsen ist. Dennoch sind in den vergangenen Jahren „viele Fenster aufgestoßen, viele Wege angebahnt und viele Perspektiven eröffnet worden“, wie Stefanie Rogg in ihrer Dissertation zu den didaktischen Funktionen musikpädagogischer Aufgabenstellungen bemerkt (Rogg, 2017, S. 22). 
Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels und der Weiterentwicklung von Bildungsmedien (insbesondere im Zusammenhang mit der fortschreitenden Digitalisierung) erscheint es sinnvoll, die Diskussion um das Schulbuch im Musikunterricht mit diesem Heft wieder stärker in den Fokus zu rücken. An erster Stelle wird der Blick auf die vielfältigen Fragestellungen beim Prozess der Schulbuchentwicklung und -herstellung gelenkt, einerseits aus Verlagssicht und andererseits aus Autorenperspektive. Alwin Wollinger, Leiter des Helbling Verlags, erläutert hierbei detailliert und anschaulich, welche Faktoren die Erstellung von Schulbüchern und Bildungsmedien beeinflussen und wieviel Erfahrung und Kompetenz vieler Beteiligter es benötigt, um diesem komplexen und langjährigen Prozess gerecht zu werden. In einem persönlichen Erfahrungsbericht gibt Mathias Schillmöller als Schulbuchautor Einblicke in Fragestellungen und Entscheidungen sowie in das Aushandeln zwischen eigenen Vorstellungen einerseits und den Eingriffen seitens des Verlagsteams andererseits, mit denen er im Laufe der Entstehung seiner beiden Musikbücher konfrontiert wurde. 
Einen kritischen Blick auf die Darstellung und Konstruktion von Kultur(en) und kultureller Diversität in aktuellen Schulbüchern wirft Ute Konrad gemeinsam mit einer Seminargruppe von 14 Studierenden. Der Artikel versammelt zentrale Ergebnisse aus einer im Seminar vorgenommenen vergleichenden Schulbuchanalyse, denen eine kultursensible und rassismuskritische Perspektive zugrunde liegt. 
Die Rolle von Sprache als Auslöserin kreativer Denkprozesse steht im Zentrum des Beitrags von Jonathan Granzow. Davon ausgehend, dass der Prozess des krea­tiven Denkens durch die Komponenten einer Kompositionsaufgabe maßgeblich beeinflusst wird, analysiert Granzow 175 Kompositionsaufgaben aus neun Schulbüchern und untersucht dabei die sprachlichen Mittel, die in Kompositionsaufforderungen verwendet werden.
Die Fuge als typischer Unterrichtsgegenstand steht im Zentrum des Beitrags von Christian Kuntze-Krakau. Ausgehend von der Frage, wie die Fuge in verschiedenen Schulbüchern aus unterschiedlichen Erscheinungsjahren thematisch behandelt und didaktisch aufbereitet wird, untersucht der Autor ca. dreißig Schulbücher und Themenhefte für weiterführende Schulen.
Die Beiträge von Julia Lutz und Carl Parma nehmen Schulbücher für den Musikunterricht in unterschiedlichen Schulstufen in den Blick. Die Primarstufe wird hierbei von Julia Lutz vertreten, die in ihrem Beitrag die Sichtweisen von Musiklehrkräften und Studierenden auf Schulbücher im Musikunterricht der Grundschule auf der Basis zweier aktueller Studien zusammenführt und aus den Erkenntnissen Überlegungen hinsichtlich des Einsatzes von Musikbüchern im Unterricht entwickelt. Der Frage nach dem Einsatz von Schulbüchern im Musikunterricht der Oberstufe geht Carl Parma nach, indem er den Zusammenhang zwischen musikfachlichen Spezifika, Abiturvorgaben und den Möglichkeiten der Unterstützung der Unterrichtsarbeit durch Lehrwerke erläutert und indem er am Beispiel ausgewählter Schulbücher die methodisch-didaktische Aufbereitung von Fachinhalten untersucht.
Der Beitrag von Hans Jünger beschäftigt sich schließlich mit dem Schulbuch der Zukunft. Die Defizite derzeit erhältlicher Schulmusikbücher aufzeigend und hierbei insbesondere das Problem der Privatwirtschaftlichkeit der Schulbuchproduktion fokussierend, entwickelt Jünger innovative Möglichkeiten, wie Unterrichtsmedien für den Musikunterricht idealerweise aussehen sollten. Der Online-Beitrag von Heidi Zacheja liefert mit der Vorstellung des Fachportals Musik der Bildungsplattform und Suchmaschine Wir Lernen Online (WLO) ein entsprechendes Beispiel für Open Educational Resources (OER).
Der einzige freie Beitrag in diesem themenzentrierten Heft ist ein Interview von Wolfgang Mastnak mit Hans-Ulrich Schäfer-Lembeck, der über zwei Jahrzehnte die deutsche Musikpädagogik wesentlich mitgeprägt hat. Anlässlich seines Ruhestands blickt er zurück und nach vorn auf die deutsche Musikpädagogik.

 

Rebekka Hüttmann, Oliver Krämer, Annette Ziegenmeyer

DMP 95: Schulbücher im Musikunterricht

Artikelnummer: DMP-Heft-95
13,40 €Preis
inkl. MwSt. |
  • Schulbücher im Musikunterricht

    • Alwin Wollinger
      Die Konzeption von Schulbüchern: 15 Einflussfaktoren oder die Quadratur des Kreises
    • Mathias Schillmöller
      Künstlerisches Ideal, pädagogische Praxis und Vorgaben des Verlags: Wie man ein Schulmusikbuch schreibt
      Ein Erfahrungsbericht
    • Helene Altenpohl & Marina de Groot & Maxina Gehrke & Dennis Ginzburg & Lea Heese & Ronja Hinke & Oda Donata von Jagwitz-Biegnitz & Anselm Nadj & Karl Ni