Liebe Leserinnen und Leser,

 

ich gestatte mir diesmal einen persönlichen Anfang: Fast zum fünfundsiebenzigsten Mal drängt mich die Familie Junker-Offner, doch bitte das Editorial der kommenden Ausgabe der Zeitschrift „Diskussion Musikpädagogik“ alsbald zu liefern. (Zuvor hatte Dieter Lugert die Zeitschrift ins Leben gerufen, bald aber die Lust an ihrer Kinderzeit verloren.) 
Für mich ist das Editorial stets das Finale nach den bisweilen nervenerschütternden Wochen vor dem Abgabetermin. Vor dem Finale nämlich muss alles parat sein, damit das Editorial noch frisch und feucht ist. Vorher erwarte ich immer die kleinen oder größeren Katastrophen: Krankheit von Autoren, unerwartete musikpädagogische Ereignisse, gedankenlose Absagen in letzter Minute, Texte von bis zu 64 Manuskriptseiten, Verzicht auf Zeichensetzung ... Viermal im Jahr steigt der Kreislauf auf höhere Touren – das soll ja gesund sein, löst dann aber Erleichterung und so etwas wie Feriengefühle aus. Vor allem aber kann ich sagen: Mir macht die Beteiligung an der langsam in die Jahre kommenden DMP viel Freude, nicht zuletzt auch die wunderbare und stets hilfreiche wie auch verständnisvolle Zusammenarbeit mit Hildegard Junker, Gabriele und Mathias Offner. Erfreulich ist auch der kleine „Viermannbetrieb“, der sich der Ehrenamtlichkeit rühmen kann.
Bewährt hat sich offenbar die Trinität der Abteilungen: Heftthema, Freie Beiträge und Magazin.
Die Heftthemen ergeben sich oft aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen, aus Tagungen, deren neugieriger Besucher ich bin; aus Vorschlägen von anderen, die dann den Thementeil mitbetreuen; aus Neuen Nachrichten oder – im Gegenteil – vergessenen Wichtigkeiten.
Die Angebote für freie Themen nehmen in letzter Zeit zu. Das bezeugt ein wachsendes Interesse für das Schreiben, für die Reflexion des praxisgerichteten Berufs, vielleicht auch für das Basteln an der Karriere. An ihnen beteiligen sich immer mehr auch Promovenden, junge Kolleginnen und Kollegen, Fachleiter, Studierende ...
Das Magazin macht dem Schriftleiter einige Sorgen. Immer mehr neue Bücher treffen in der Limastrasse in Berlin ein, aber immer weniger Bereitwillige finden sich, sie zu rezensieren.
Der Trost – ich bleibe auf dem Laufenden.
Das Thema der hier vorgelegten Ausgabe ist eine solche Neuigkeit – die Beschäftigung und erste Erfahrungen mit dem, was Wolfgang Mastnak „Psychoedukation“ nennt. Die auf das Mitspiel der Seele und insbesondere auf psychische Krankheiten ausgerichtete Pädagogik, die zumeist in Fällen des Einzelunterrichts, aber auch in den größeren Gruppen der Klassenzimmer hilfreich sein kann, steht in bisweilen hartem Gegensatz zu den amtlichen Lehr- und Lernforderungen der heutigen, nicht zuletzt auf wirtschaftliche Verwendung gerichtete Schultheorie und -praxis. Natürlich kann Musikunterricht, in welcher Form auch immer, nicht in die medizinische Fakultät eingereiht werden. Aber Rücksicht und Hilfe für junge und ältere Menschen ist sicher eine begrüßenswerte Aufgabe, an welcher der Umgang mit Musik sich beteiligen kann.
Die Texte zu den „Freien Beiträgen“, die wir zusammengestellt haben, bilden ein buntes Bild von Themen, die den lehrplangesicherten Musikunterricht durchlüften könnten: Blicke heraus aus der europäischen Musikkultur, Blicke zurück in die Entstehungszeit des schulischen Musikunterrichts, Blicke in die (vergangenen?) Sorgen der kulturellen Reinlichkeit, Blicke ganz weit zurück ins Mittelalter und seine wunderbaren Gesänge.

 

Christoph Richter

DMP 75: Musik-Psychoedukation

Artikelnummer: DMP-Heft-75
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  • Das Wort zum dritten Quartal

    • Peter Becker
      Ein Mann mit Eigenschaften
      Richard Jakoby (1929 – 2017) zum Gedenken

    Musik-Psychoedukation

    • Wolfgang Mastnak & Teresa Tièschky
      Musik-Psychoedukation
      Pädagogische und psychiatrische Perspektiven
    • Wolfgang Mastnak & Teresa Tièschky
      Lernfelder und Erfahrungsräume von Musik-Psychoedukation
    • Nina Voit
      Qigong
      als eine Methode zur Konzentrationsverbesserung und zum Stressabbau im Anwendungsbereich des schulischen Musikunterrichts
    • Diemut Anna Köhler-Massinger
      Psychoedukation und Gehörbildung
      Interdisziplinäre Perspektiven zur Diskussion

    Freie Beiträge

    • Thomas Ott
      Metamorphosen
      Über Famoudou Konatés autobiographische Aufzeichnungen
    • Andreas Eschen
      Sechs Thesen zur Revision des Kestenberg-Bildes
    • Hannah Milena Kluge
      „… dem musikalischen Schmutz ungeschützt preisgegeben“
      Musik und Jugendschutz – Ein historisches Streiflicht
    • Nils Hilbricht & Philipp Reisner
      Zwischen Markt und Mönchtum
      Musik des Mittelalters im Unterricht der Sekundarstufen
    • Eva Verena Schmid
      „Lost for words“?
      Anregungen zum Aufbau einer sprachlichen Ausdruckskompetenz im Hinblick auf ästhetisch-musikalische Erfahrung