Liebe Leserinnen und Leser,

 

das Thema der vorliegenden Ausgabe behandelt die Frage, was aus dem musikpädagogischen Konzept der „polyästhetischen Musikerziehung“ geworden ist, das Wolfgang Roscher – zunächst an der Pädagogischen Hochschule in Hildesheim, später nach seinem Wechsel an das Mozarteum in Salzburg unter dem Titel “Integrative Musikpädagogik“ – entwickelt, vielfach begründet, vor allem aber in kleineren und sehr umfangreichen Darstellungen praktisch vorgeführt hat. Roschers Konzept gehört mit besonderem Gewicht zu den Beiträgen jener Aufbruchsstimmung der 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts, welche den Aufgabenbereich und die Angebote des Musikunterrichts erweiterten und, nach dem Wiederaufleben und der Auflösung des musischen Treibens, neue wissenschaftliche, philosophische, pädagogische und inhaltliche Grundlagen anbot und vorführte. Dabei überstieg Roschers Konzept die Grenzen des damaligen Musikunterrichts in großzügiger Weise – mit dem Ergebnis, dass die von Hartmut von Hentig postulierte „auditive Wahrnehmungserziehung“ in und außerhalb der Schule Wirklichkeit wurde.
Zusammen mit Michaela Schwarzbauer, einer ehemaligen Assistentin von Wolfgang Roscher, die sein Konzept und Erbe in vielen Schriften, Tagungen und Unterrichtsangeboten bis heute anregt und betreut, haben wir eine Reihe von Beiträgen zusammengestellt, welche die Bewahrung und Weiterentwicklung der polyästhetischen Musikpädagogik sichern. Grundlage für den Zusammenhang der Beiträge sind jene fünf Komponenten oder Aspekte, die das Konzept ausmachen: der traditionsintegrative, der interkulturelle, der multimediale, der interdisziplinäre und der sozialintegrative Aspekt.
Im Rahmen unserer Zeitschrift mussten wir eine beschränkende Auswahl der Themen vornehmen. So behandelt Michaela Schwarzbauer die Vielfalt der Überlegungen (und Literatur), aus denen Roscher sein Konzept errichtete. Katharina Stielow betrachtet das Konzept von „außen“. Die dann folgenden Beiträge berichten über verschiedene Anwendungsfelder – die Polyästhetik im Grundschulunterricht (Gerhard Hofbauer); in der Popmusik (Herbert Hopfgartner); Roschers Konzept aus der Perspektive des Kunstunterrichts in China (Wolfgang Mastnak und Jiawei Gu); Reinhold Kletzander argumentiert aus der Sicht eines polyästhetischen Curriculums; Christian Kaufmann erörtert die Anwendung im Schultheater. 
Man kann die heutige Beschäftigung mit dem Konzept der polyästhetischen (Musik-)Erziehung unter zwei allgemeineren Aspekten zum Gegenstand einer Zeitschriftenausgabe (oder einer umfangreicheren Schrift) machen: von der Frage aus, ob und in welcher Weise auch andere frühere Konzepte Eingang in die Entwicklung der Musikpädagogik (in seine Reflexion und in seine Praxis) gefunden haben; und mit der Frage, ob und warum solche früheren Konzepte – im doppelten Wortsinn – „überholt“ sind. Diskussion Musikpädagogik wird versuchen, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen – an Beispielen etwa der U-Musik, der musikbezogenen Analyse, der außereuropäischen Musik; der hermeneutisch-dialogischen Interpretation, des Musizierens und anderen.
Interessierte an der Beschäftigung mit dem Schicksal früherer musikpädagogischer Konzepte sind willkommen!
Was die vorliegende Ausgabe betrifft, sei Michaela Schwarzbauer für ihre unermüdliche Beratung und Beteiligung herzlich gedankt!

Michaela Schwarzbauer ist Präsidentin der Internationalen Gesellschaft für Polyästhetische Erziehung.
(Kontakt: michaela.schwarzbauer@moz.ac.at)

 

Christoph Richter

DMP 66: Polyästhetische Musikerziehung – Integrative Musikpädagogik

Artikelnummer: DMP-Heft-66
13,40 €Preis
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  • Das Wort zum zweiten Quartal

    • Christoph Richter
      Promovieren im Gebiet Musikpädagogik zwischen  Verschulung (Bolognisierung) und behütetem schöpferischem Individualismus
      Das Wort zum zweiten Quartal

    Polyästhetische Musikerziehung – Integrative Musikpädagogik

    • Michaela Schwarzbauer
      Polyästhetische Erziehung
      Überlegungen zu ihrer Relevanz heute
    • Katharina Stielow
      Eine Außenperspektive auf die Polyästhetische Erziehung
    • Gerhard Hofbauer
      Grundschule als polyästhetisches Erfahrungsfeld?
      Essayistische Gedanken über Brachland, Basiskompetenzen-Parcours oder ästhetische Lustgärten
    • Herbert Hopfgartner
      „Polyästhetische Erziehung“ und die populäre Musik
      Eine Annäherung
    • Wolfgang Mastnak & Jiawei Gu 顾家慰
      Polyaisthesis und China
      Ansprüche einer kultursensiblen Musikpädagogik
    • Reinhold Kletzander
      Die Polyästhetische Werkstatt
      Vernetztes Arbeiten im Fachunterricht als curriculares Modell
    • Christian Kaufmann
      Wenn der Klassenraum zur Bühne wird
      Kleinformen polyästhetischen Theaters als Praxis des Erfahrens und Gestaltens schulischer Lebenswirklichkeit

    Freie Beiträge

    • Thomas Hofer
      Tandem: Aufbruch der „musikdidaktischen Chefetage“
      Plädoyer für neue Formen der Kooperation im Fach Musik zwischen Hochschule und Volksschule
    • Philipp Reisner
      Illusion und Realität der Unterrichtsvorbereitung
      Die wachsende Anforderung interkultureller Musikerziehung im Schatten der Bildungs- und Publikationspolitik