Liebe Leserinnen und Leser,

 

der Zufall – oder doch eher die Zeitdisposition einiger Autorinnen und Autoren – bringt es mit sich, dass in der hier vorgelegten Ausgabe von „Diskussion Musikpädagogik“ nicht wie üblich nur ein, sondern zwei Themen angeboten werden. Das Hauptthema  versammelt Beiträge zur interkulturellen Musikpädagogik. Das zweite Thema (also: der Seitensatz) ist dem „Anfang“ (dem „Anfangen“) gewidmet. Es beschreibt und erörtert verschiedene Anfänge – Konzepte zu einer in konsequenten Aufbau übergehenden Musiklehre; Fragen des Berufsanfangs aus der Sicht von Referendaren und Ausbildern; Unterrichtsanfänge verschiedener Lehrer, aufgezeigt an Filmen über den schulischen Unterricht.
Während im Hauptthema die versprochenen Beiträge nachgeliefert werden, soll das zweite Thema die Leserinnen und Leser dazu anregen, Überlegungen zum „Anfang“ aus verschiedenen Perspektiven und von verschiedenen Fragestellungen aus anzustellen und uns zuzusenden – Anfänge von Musikstücken, Anfänge des Musizierens, Methoden, mit Musik allmählich ins Gespräch zu kommen ...
Die Dringlichkeit des Hauptthemas wurde mir von mehreren Seiten und Situationen deutlich: durch die Teilnahme  am Symposium über die Beziehungen zwischen Musikethnologie und Musikunterricht an der Musikhochschule in Rostock; durch die Situationsschilderungen vom Musikunterricht mit Schülern aus verschiedenen Ländern; vor allem durch den Beitrag von Thomas Ott. Seine Kompetenzen zu Fragen einer interkulturellen Musikpädagogik haben sich nicht nur besonders vielseitig und langfristig aus seiner Arbeit in Afrika ergeben. Vielmehr ist Thomas Ott aus der Kenntnis und Reflexion interkultureller Möglichkeiten des Umgangs mit Musik zu jener Einsicht gelangt, die er am Schluss seiner Überlegungen in die Formel vom „Lernen am und vom Anderen als wechselseitiges Zuerkennen von Eigensinn“ zusammenfasst. Damit verallgemeinert er  das Problem, von dem er ausgeht, so weit, dass der Dialog zwischen dem einen (dem Selbst) und den anderen auch verallgemeinert werden kann auf das prinzipielle Verhältnis zwischen dem fragenden (genießenden, erlebenden ...) Menschen und einer Musik, oder auf die Beziehung zwischen Menschen überhaupt. Diese Erweiterung wiederum gibt nicht nur dem Lernen neue Richtungen vor, sondern beleuchtet auch den Ausgangspunkt seiner Überlegungen – die interkulturelle Musikpädagogik – in neuer Weise.
Die vorliegende Ausgabe bietet auch ein gut gefülltes Magazin an. Erfreulich ist die rege Beteiligung des wissenschaftlichen Nachwuchses (in Form des Doktoranden-Netzwerkes): 

Zusammenfassungen von Dissertationen, von Rezensionen und der Bericht von der letzten Tagung des Netzwerks sind Zeugnisse von der lebendigen Entwicklung der wissenschaftlichen Musikpädagogik, von der ich persönlich freilich eine engere Verknüpfung mit jenen Anstrengungen erhoffe, welche das Hauptanliegen unseres Faches sind – das Lehren und Lernen in allen Gebieten der Musik. Die Beziehung zwischen der wissenschaftlichen Musikpädagogik (verstanden als Mischfach mehrerer Disziplinen und Interessen) und dem Alltag der Unterrichtspraxis ist eine der noch immer vernachlässigten  Bemühungen der Musikpädagogik. Eine der schlecht gelösten Fragen lautet: Wie erreichen die wissenschaftlich erarbeiteten Ergebnisse den Unterricht, die Lehrer und die Schüler? Eine andere: Wie gewinnt unser Fach das Interesse der wahrlich überbeschäftigten Lehrer an der Reflexion über die vielen Facetten ihres Tuns und ihrer Ziele? Die dritte Frage richtet sich an unsere Zeitschrift: Wie kann es gelingen, attraktiv zu werden sowohl  für musikpädagogische „Praktiker“ als auch für musikpädagogische Wissenschaftler? Wir arbeiten dran!

 

Christoph Richter

DMP 55: Interkulturelle Musikerziehung

Artikelnummer: DMP-Heft-55
13,40 €Preis
inkl. MwSt. |
  • Das Wort zum dritten Quartal

    • Christoph Richter
      Wieder mal: Zentralabitur?
      Das Wort zum dritten Quartal

    Interkulturelle Musikerziehung

    • Thomas Ott
      Heterogenität und Dialog
      Lernen am und vom Anderen als wechelseitiges Zuerkennen von Eigensinn
    • Wolfgang Martin Stroh
      Eigensinn statt Machbarkeit und Spaß?
    • Oliver Kautny
      Für eine Entlastung des interkulturellen Musikunterrichts
    • Barbara Alge
      Eine Stellungnahme aus Sicht der Ethnomusikologie
      ‚Heterogenität und Dialog. Lernen am und vom Anderen als wechselseitiges Zuerkennen von Eigensinn’ (Thomas Ott)

    Serie: Musikpädagogische Texte aus früherer Zeit

    • Wolfgang Roscher
      Polyästhetische Erziehung. Klänge – Texte – Bilder – Szene
      Theorien und Modelle zur pädagogischen Praxis 
      (Mit einem Kommentar von Michaela Schwarzbauer)

    Beiträge zum Begriff des Anfangs in der Musik und im Musikunterricht

    • Martina Krause
      „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“?
      Überlegungen zur Bedeutung der anfänglichen Beschäftigung mit Musik im schulischen Musikunterricht
    • Oliver Krämer
      Anfangen zu unterrichten
      You never get a second chance to make a first impression
    • Andreas Höftmann & Almut Rietzschel & Vera Demeyere
      Aller Anfang ist schwer?
      Erfahrungsbericht über die Lehrerausbildung in Berlin zwischen 2010 und 2012 aus der Sicht von zwei Ausbilderinnen und einem Referendar