Liebe Leserinnen und Leser,

 

die hier vorgelegte Ausgabe der „Diskussion Musikpädagogik“ ist der Frage nach der wissenschaftlichen Musikpädagogik oder der wissenschaftlichen Behandlung musikpädagogischer Fragen und Probleme gewidmet. Die Idee zu diesem Thema ergab sich aus Anregungen des Themenheftes über das Promovieren im Bereich Musikpädagogik. Während dort Promovendinnen und Promovenden zu Wort kamen, die bunte Palette der Themen vorgestellt und von der Arbeit des Doktoranden-Netzwerkes berichtet wurde, haben wir in dem neuen Heft um Beiträge gebeten, in denen grundsätzliche Fragen des wissenschaftlichen Arbeitens und musikpädagogischer Fragestellungen erörtert werden. Ich hoffe, dass uns dies partiell gelungen ist. Den Beitrag über die empirisch-quantitativen Methoden mussten wir vertagen. Dies lag nicht an seinem Autor, sondern an einer Terminänderung im Verlag. Wir werden den Beitrag von Jens Knigge demnächst nachreichen.
Bei der Suche und Ansprache der Autorinnen und Autoren und bei der Gestaltung des Heftes hat Anne Niessen wertvolle Hilfe geleistet. Ihr sei herzlich dafür gedankt. In Erinnerung an einen Briefwechsel zwischen Wilfried Gruhn und mir über die Frage des Musikverstehens, den wir in Heft 28/1994 der Zeitschrift „Musik und Bildung“ veröffentlicht hatten, schien es mir sinnvoll und belebend, wieder einmal einen Briefwechsel zu veranstalten und zu veröffentlichen. Auf diese Weise ist der einleitende Beitrag von Anne Niessen und mir entstanden.
Die Beiträge  dieser Ausgabe beschäftigen sich eher systematisch mit der Frage nach den Möglichkeiten und Bedingungen einer musikpädagogischen Wissenschaft. Zwei andere Schwerpunkte wären ebenso reizvoll und ‚an der Zeit’ gewesen. Der eine wäre der Frage nach dem Zusammenhang einer musikpädagogischen Wissenschaft und den vielen anderen Aspekten des großen Gebietes nachgegangen – sofern man mir konzediert, musikpädagogische Wissenschaft als eine Anwendungswissenschaft zu bestimmen. Der andere Schwerpunkt wäre eine musikpädagogische Wissenschaftsgeschichte gewesen. In angemessenem Abstand werden wir beides nachholen. Interessant ist vor allem, den langen und krummen Weg nachzugehen, der – seit der Antike, dem Mittelalter, der Aufklärung und den Strömungen der Reformpädagogik seit dem Ersten Weltkrieg bis zum vielfältigen Aufbruch seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Fragen, Moden, Methoden einer Wissenschaft von der Musikpädagogik mitsamt den umliegenden Nachbarfeldern und mitsamt der Internationalisierung die Fragen nach der Musikerziehung begleitet, stützt, stört ...
Heutzutage steht die Wissenschaft von der Musikpädagogik bei ihren Verfechtern hoch im Kurs. Man kann dies an der überbordenden Fülle von Veröffentlichungen messen, die den Tisch eines Schriftleiters füllen (fast wie Weihnachten), auch an dem Trend und der Ernsthaftigkeit zum Promovieren – abzulesen und an der umfangreichen Themenliste des Doktoranden-Netzwerkes und am Erfolg seiner Tagungen.
Freilich fallen mir auch ein paar bedenkliche Fragen ein: Was wird aus den vielen Promovendinnen und Promovenden, die zum Teil kaum Unterrichtserfahrungen (als ihrem Hauptberuf) haben. Können sie Hochschullehrerstellen hinreichend betreuen? Sind wirklich alle Fragestellungen und Themen – über ihren zugestandenen Selbstzweck hinaus – für das Ganze des Faches nützlich, und können sie musikpädagogisches praktisches Arbeiten fördern? Werden die Arbeiten so angelegt und geschrieben, dass sie Leser finden (oder ist das kein Argument)?
Was mich – verstärkt nach den Erfahrungen der beiden der Wissenschaft zugeeigneten Heften – auch beschäftigt, ist die Frage, ob die drei (oder mehr?) großen Methoden(be)reiche gegenseitig in so festen Grenzen leben müssen, wie das gelegentlich erscheint. Regelmäßige Zusammenarbeit und ständige (selbst)-kritische Methodendiskussion würden den Arbeiten und ihren Fragestellungen gut anstehen. Ich versuche mich an einem Beispiel, das mich in letzter Zeit viel beschäftigt, an der Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gruppe in Unterrichts- und Lernzusammenhängen. Mindestens drei Zugangsweisen zu diesem Thema kann man unterscheiden:
Man kann Menschen danach fragen, ob, warum, wie und in welchen Zusammenhängen sie (lieber) allein oder mit anderen arbeiten bzw. lernen wollen. Aus den hochgerechneten Ergebnissen einer solchen Befragung kann man, wenn man das will, praktische Arbeitsweisen ableiten – mit allen Unwägbarkeiten, die eine solche Befragung hat.
Man kann mit Menschen Interviews führen, in denen u. a. auch deutlich wird, wie sie das Lernen gelernt haben, wie ihre Lebensweisen sind und ihre Wünsche, was sie sich von der Arbeit mit anderen versprechen, wie wichtig ihnen ihre Individualität ist, wie sie glauben, der Allgemeinheit am besten dienen zu können ... Daraus können Einsichten entstehen und so etwas wie eine Dauerdiskussion über das gesellschaftliche Leben zwischen dem Einzelnen und der Gruppe.
Man kann danach fragen, wie die Philosophie im Laufe der Zeit Menschenbilder (mehr) als Entwicklung des Einzelnen oder (mehr) als Bild gemeinsamen Lebens entworfen und beschrieben hat. Aus politischen, religiösen, kommunikativen Theorien können Bilder vom Menschen entstehen, gegeneinander abgewogen und erprobt werden.
Alle drei Richtungen sind für sich genommen ernstzunehmende Antworten auf die Ausgangsfrage. Aber wie viel einleuchtender und nützlicher wäre es, wenn Vertreter dieser Ansätze miteinander ins Gespräch kämen und Lebens- oder Lernmodelle entwickeln würden!
 

Christoph Richter

DMP 49: Wissenschaft der Musikpädagogik – Wissenschaft vom Musikunterricht

Artikelnummer: DMP-Heft-49
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