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Liebe Leser:innen,

 

bei der Planung der Heftthemen der Diskussion Musikpädagogik gehen wir als Schriftleitung gelegentlich auf Kolleg:innen zu und laden sie ein, als Gastmitherausgebende einen Thementeil mitzugestalten. Andere Themenschwerpunkte entstehen aus der Initiative von Kolleg:innen, die sich mit Vorschlägen an uns wenden. Beim vorliegenden Heft kamen Teilnehmer:innen aus dem Arbeitskreis für Rassismuskritische Musikpädagogik mit der Anregung auf uns zu, ein Themenheft zur Rassismuskritik zu gestalten. Den Impuls haben wir gerne aufgegriffen, denn die musikpädagogische Auseinandersetzung mit diesem Thema ist uns angesichts der gesellschaftspolitischen Entwicklungen ein besonderes Anliegen. Inhaltlich schließt das aktuelle Heft an frühere Ausgaben an, insbesondere an das Themenheft zur Intersektionalität (DMP 94).
Im Eröffnungsbeitrag des Thementeils stellt der Arbeitskreis für Rassismuskritische Musikpädagogik die Ziele sowie den inhaltlichen Kontext seiner Arbeit vor. In Zentrum steht das Anliegen, rassismuskritische Perspektiven in der Musikpädagogik zu stärken. Die Voraussetzung dafür bildet eine Auseinandersetzung mit bestehenden Strukturen von Diskriminierung in der Gesellschaft und den Bildungsinstitutionen.
Shanti Suki Osman geht der Frage nach, was eine rassismuskritische Haltung kennzeichnet. Anhand von Beispielen veranschaulicht und erläutert sie diese Haltung und entwickelt Fragen, die in einem kontinuierlichen Reflexionsprozess dabei helfen können, eine rassismuskritische Haltung einzunehmen.
In unterschiedlichen, auch pädagogischen Kontexten wird mit dem Konzept des ,Empowerment‘ gearbeitet. Ihm liegt die Idee zugrunde, dass von Diskriminierung betroffene Personen selbstbestimmt handeln, ihre Positionen aktiv vertreten und zu Teilhabe befähigt werden. Johann Honnens unterzieht dieses Konzept einer kritischen Betrachtung: Er zeigt begriffliche Unklarheiten sowie Ambivalenzen und Dilemma­ta auf, die sich ergeben können, wenn Empowerment-Praktiken im Musikunterricht eingesetzt werden. Zugleich verweist er auf weiteren Forschungsbedarf, um den Empowerment-Ansatz konzeptionell weiterzuentwickeln.
In ihrer postmigrantischen Gesellschaftsanalyse beschreibt Naika Foroutan gesellschaftliche Aushandlungsprozesse und Konflikte, die daraus entstehen, dass das Versprechen von Gleichheit und Teilhabe für viele Migrant:innen und nachfolgende Generationen nicht eingelöst wird. Anknüpfend daran stellen Mehtap Arı und Irfan Berilo ihre Dissertationsprojekte vor: Sie forschen zur Bedeutung von Mehrsprachigkeit bei der Gestaltung von Rap in musikpädagogischen Settings (Mehtap Arı) bzw. zu öffentlichen Musikschulen als Orten, an denen „migrationsbezogene Vielfalt“ ausgehandelt wird (Irfan Berilo).
Gloria Dzidonu und Hanne-Liese Kageni Brinkmann berichten aus der Perspektive Schwarzer Frauen über ihre Erfahrungen im Musikstudium an einer Universität. Ihr Beitrag macht deutlich, wie unreflektiert und eindimensional Inhalte auch heute vielfach noch vermittelt werden. Anhand eines von ihnen durchgeführten Workshops formulieren die beiden Studentinnen Vorstellungen von einer rassismuskritischen Musikpädagogik und zeigen mögliche Wege zu einer reflektierten rassismuskritischen Haltung auf.
Das Motiv nicht eingelöster gesellschaftlicher Versprechen demokratischer Teilhabe findet sich auch im Beitrag von Ali Konyali und Saboura Naqshband: Ausgehend von ihren persönlichen Erfahrungen mit Ungleichheit und wiederholter Enttäuschung formulieren sie Ansatzpunkte für eine diskriminierungskritische Lehrpraxis an Hochschulen. Sie skizzieren das zukunftsgerichtete transformatorische Potenzial künstlerischer Bildungsprozesse, die bei der Reflexion der bestehenden Strukturen ansetzen.
Ulaş Aktaş, Ali Konyali, Saboura Naqshband und Timm Stafe thematisieren die unzureichende Forschungslage zur Situation migrantisierter Schüler:innen. Ausgangspunkt ist eine kritische Betrachtung des Einflusses der quantitativen empirischen Bildungsforschung: Deren grundlegende Annahmen und methodische Instrumente seien unzulänglich, um Ungleichheiten im Bildungssystem angemessen zu analysieren und zu bearbeiten. Die Autor:innen beschreiben den Ansatz einer „differenzsensibel situierten Ungleichheitsforschung“, die von der Analyse der persönlichen Erfahrungen und Positionierungen von Schüler:innen ausgeht und Ungleich­heitsverhältnisse sichtbar macht.
In den Lehramtsstudiengängen einiger Hochschulen ist die Bağlama als Hauptinstrument studierbar. Nihat Iman nimmt diese Entwicklung kritisch in den Blick. Er argumentiert, dass die Markierung des Instruments als ,anders‘, die früher zu seinem Ausschluss geführt habe, nun umgekehrt als Grund für seinen Einschluss diene. Die Markierung als ,anders‘ und damit die Differenz blieben jedoch bestehen.
Die Rezension von Stefanie Kiwi Menrath ist dem thematischen Teil angegliedert, da sie sich mit einem Sammelband zur Macht- und Rassismuskritik beschäftigt, der an den Heftschwerpunktanschließt.
Ergänzt wird das Heft durch zwei freie Beiträge: Verena Weidner beschäftigt sich mit einer „bindungssensiblen Musikpädagogik“ in Zeiten von KI. Daniel Fiedler, Daniela Neuhaus und Stefan Zöllner-Dressler stellen die Ergebnisse einer Studie zum Studieren mit bzw. ohne Eignungsprüfung vor.
Ein besonderer Dank gebührt Mehtap Arı, Ali Konyali, Saboura Naqshband und Shanti Suki Osman, die den thematischen Teil des Heftes als Gastmitherausgeber:innen mitbetreut haben.

 

Mehtap Arı, Ali Konyali, Saboura Naqshband und 

Shanti Suki Osman  (als Gastmitherausgeber:innen dieses Heftes),
Rebekka Hüttmann, Oliver Krämer und Annette Ziegenmeyer

DMP 111: Rassismuskritik

Artikelnummer: DMP-Heft-111
14,50 €Preis
inkl. MwSt. |
Anzahl
  • Rassismuskritik

    • Ulaş Aktaş & Mehtap Arı & Johann Honnens & Ali Konyali & Stefanie Kiwi Menrath & Saboura Naqshband & Shanti Suki Osman & Timm Stafe
      Über den Arbeitskreis für Rassismuskritische Musikpädagogik (AKRKM)
    • Shanti Suki Osman
      Rassismuskritik und Musikpädagogik
      Die Entwicklung einer Haltung
    • Johann Honnens
      Empowerment-Praktiken im schulischen Musikunterricht?
      Eine ambivalenztheoretische Diskussion
    • Mehtap Arı & Irfan Berilo
      Musikunterricht und öffentliche Musikschulen in der Migrationsgesellschaft
      Potenziale einer postmigrantischen Analyseperspektive auf musikpädagogische Forschung und Praxis
    • Gloria Dzidonu & Hanne-Liese Kageni Brinkmann
      Musikvermittlung studieren zwischen Eurozentrismus und Empowerment
      Perspektiven Schwarzer Frauen
    • Ali Konyali & Saboura Naqshband
      „We are definitely in the Bildung!“?
      Machtverhältnisse, Verletzbarkeiten und diskriminierungskritische Lehrpraxis
    • Ulaş Aktaş & Ali Konyali & Saboura Naqshband & Timm Stafe
      Rassismuskritische Forschung und der Abbau von Bildungsungleichheit
      Grenzen empirischer Bildungsforschung und Perspektiven differenzsensibel situierter Ungleichheitsforschung am Beispiel einer MSA-Prüfung im Fach Musik
    • Nihat Iman
      Der Ausschlussgrund von gestern wird zum Einschlussgrund von heute
      Die Kontinuität der Veranderung der Bağlama im Musik(hoch)schul- und Kulturbetrieb Rezension von Stefanie Kiwi Menrath
    • Marion Gerards & Norbert Frieters-Reermann (Hg.):
      Macht- und Rassismuskritik in der Ästhetischen Praxis Sozialer Arbeit

    Freie Beiträge

    • Verena Weidner
      Bindungssensible Musikpädagogik im KI-Zeitalter?
    • Daniel Fiedler & Daniela Neuhaus & Stefan Zöllner-Dressler
      Studieren ohne Eignungsprüfung?!
      Eine Befragung angehender Musiklehrkräfte in Baden-Württemberg
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