Liebe Leser:innen,
das DMP-Heft 109 ist von der Anzahl der beteiligten Personen her ein ganz besonderes, denn insgesamt 25 Autor:innen haben mit Artikeln, Berichten und Rezensionen zu seinem Entstehen beigetragen. Im vorliegenden Heft widmen wir uns zum Abschluss der Förderphase des Kompetenzverbundes lernen:digital thematisch jenen Drittmittelprojekten, die im Zusammenhang mit Digitalisierung und Musikunterricht in den vergangenen zweieinhalb Jahren entstanden sind. Ziel ist eine Bestandsaufnahme über die Grenzen einzelner Hochschulverbünde hinweg: Welche musikpädagogisch relevanten Themen wurden bearbeitet? Welche Forschungs- und Entwicklungsvorhaben wurden durchgeführt, und welche Formate der Lehrkräftefortbildung wurden erprobt?
Charakteristisch für die Beiträge dieses Heftes ist, dass sie überwiegend von Autor:innenteams verschiedener Hochschulstandorte verfasst wurden. Die kollaborative Struktur eröffnet eine Vergleichsperspektive, die über Einzelprojekte hinausgeht und den Blick auf gemeinsame Herausforderungen im Zusammenhang mit Digitalisierung und Musikunterricht, aber auch auf unterschiedliche konzeptionelle Zugänge lenkt. Ergänzt werden die thematischen Beiträge durch eine Zusammenstellung von Standortsteckbriefen (im Online-Teil), in denen die beteiligten Hochschulen ihre Projektergebnisse standortbezogen bündeln und darstellen.
Die Einleitung bildet der Beitrag von Oliver Krämer, der die Beteiligung musikpädagogischer Standorte am Kompetenzverbund analysiert und strukturelle Unterschiede zwischen Universitäten und Musikhochschulen, aber auch zwischen alten und neuen Bundesländern herausarbeitet. Anschließend nehmen Mario Dunkel, Sarah-Indriyati Hardjowirogo, Lars Oberhaus, Malte Pelleter, Steffi Rocker, Ilka Siedenburg, Sophia Tobis, Julian Vorst und Arne Wachtmann das Producing als zentrale postdigitale Musikpraxis genauer in den Blick. Anhand von Teilprojekten zu hybrider Improvisation, DJing und Sampling, Musikvideoproduktion sowie audiovisuellen Tutorials wird deutlich, wie eng technologische, ästhetische, kulturelle und soziale Dimensionen in gegenwärtigen musikpädagogischen Settings miteinander verflochten sind. Der Beitrag von Marc Godau und Phillip Gosmann setzt sich mit postdigitaler Musikkultur im Plattformzeitalter auseinander und verdeutlicht, wie audiovisuelle Praktiken, algorithmische Logiken und Social-Media-Formate neue Ästhetiken und Formen der Performativität und damit zugleich neue Lern- und Vermittlungsformen hervorbringen. Der Beitrag von Veronika Phung und Christian Rolle zur Musical AI Literacy diskutiert den musikpädagogischen Einsatz künstlicher Intelligenz nicht nur als methodisches Werkzeug, sondern als mögliche kreative Akteurin im Songwriting. Dabei zeigen sich Ambivalenzen zwischen Inklusionspotenzialen, Fragen der Autor:innenschaft und der Gefährdung kreativer Agency. Esther Hall, Isolde Malmberg, Veronika Phung und Christian Rolle untersuchen, in welchem Verhältnis Lehrkräftefortbildungen zu formalen bildungspolitischen Vorgaben stehen. Ihre Analyse zeigt, dass eine strikte Orientierung an Lehrplänen weder immer möglich noch pädagogisch sinnvoll ist – vielmehr eröffnen Differenzen und gezielte Abweichungen Räume für Innovation und kritische Reflexion. Matthias Krebs blickt in seinem Beitrag aus struktureller Perspektive auf die Entwicklung digitaler Bildungsangebote. Auf der Grundlage von Expert:inneninterviews zeigt er, wie hochschulische Akteur:innen in bildungspolitisch geförderten Projekten zwischen institutionellen Anforderungen, wissenschaftlichen Diskursen und schulischer Praxis vermitteln müssen.
Fünf Online-Beiträge zum Thema erweitern diese Perspektiven noch: Michael Ahlers, Finn Joris Brunken, Esther Hall und Christoph Stange stellen das Phänomen der Hybridität als Schlüsselbegriff und ‚neues Normal‘ in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen zu postdigitaler Musikpädagogik. Paul Geßner, Benjamin Hecht, Josef Schaubruch und Sophia Tobis nehmen mit elektronischer Tanzmusik ein Praxisfeld in den Blick, das in der Musikpädagogik bislang eine untergeordnete Rolle spielt. Philipp Ahner, Mercé Bosch Sanfélix, Sandro Dalfovo, Tobias Rotsch und Lisa Werner erörtern in ihrem Beitrag, welchen Herausforderungen sich Musikhochschulen angesichts der postdigitalen Transformation gegenübersehen, während Tobias Rotsch anschließend die Potenziale und Grenzen im Umgang mit Extended Reality (XR) im Musikunterricht beleuchtet. Abgerundet wird das Heft durch die Vorstellung einer empirischen Studie von Oliver Krämer und Philipp Lang zu Gelingensbedingungen digitalisierungsbezogener Fortbildungen.
Insgesamt zeigt das Thema dieses Heftes: Musik lernen:digital bedeutet mehr als die Implementierung neuer Technologien. Es geht um veränderte kulturelle Praktiken, um neue Formen ästhetischer Erfahrung, um Macht- und Deutungsfragen sowie um die Neuaushandlung professioneller Rollen. Digitalität ist kein fernes Zukunftsversprechen, sondern eine Realität, die musikpädagogisch gestaltet, reflektiert und kritisch begleitet werden muss.
Zu den freien Beiträgen dieser Ausgabe: Matthias Handschick geht anhand der Analyse aktueller deutscher Popsongs auf die Gemütslage und Einstellungen heutiger Jugendlicher im Spannungsfeld zwischen hedonistischem Exzess auf der einen und fatalistischem Zukunftspessimismus auf der anderen Seite ein. Daniela Neuhaus, Gabriele Puffer und Nicolas Uhl-Sonntag beschäftigen sich in ihrem Onlinebeitrag mit sogenannten Core Practices als Ansatz einer praxisorientierten Lehrkräftebildung.
Der Magazinteil rundet mit einem Tagungsbericht von Christopher Ulferts und zwei Rezensionen von Matthias Handschick und Andreas Lehmann-Wermser dieses umfangreiche Heft ab.
Rebekka Hüttmann, Oliver Krämer und Annette Ziegenmeyer
DMP 109: Musik lernen:digital
Musik lernen:digital
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Oliver Krämer
Musikunterricht im Aufbruch in die digitale Welt?
Zur Beteiligung musikpädagogischer Standorte am Kompetenzverbund lernen:digital -
Mario Dunkel & Sarah-Indriyati Hardjowirogo & Lars Oberhaus & Malte Pelleter & Steffi Rocker & Ilka Siedenburg & Sophia Tobis & Julian Vorst & Arne Wachtmann
Producing im Musikunterricht
Reflexion des Verbundprojekts „Digitalität – Diversität – Producing. Praktiken populärer Musik in Schule und Weiterbildung“ -
Marc Godau & Phillip Gosmann
Postdigitale Musikpädagogik im Plattformzeitalter
Über die konzeptionelle Rahmung einer Fortbildung für Lehrkräfte zur Rolle audiovisueller Kunst- und Vermittlungspraxis in postdigitaler Musikkultur -
Veronika Phung & Christian Rolle
Lernziel ‚Musical AI Literacy‘?
Überlegungen zum Einsatz von KI beim Songwriting im Musikunterricht -
Esther Hall & Isolde Malmberg & Veronika Phung & Christian Rolle
„Und wo ist jetzt der Lehrplanbezug?“
Fortbildungen im Kompetenzverbund lernen:digital und ihre Brückenschläge oder absichtliche Differenz zu Lehrplänen und Curricula -
Matthias Krebs
Hochschule, Schule, Politik
Spannungsfelder digitalisierungsbezogener Professionalisierung in der Musikpädagogik
Musik lernen:digital (Online)
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Michael Ahlers & Finn Joris Brunken & Esther Hall & Christoph Stange
Hybridität im Musikraum
Theorien und Beispiele zum ‚neuen Normal‘ -
Paul Geßner & Benjamin Hecht & Josef Schaubruch & Sophia Tobis
Kulturen elektronischer Tanzmusik
Unterrichtspraktische Perspektiven -
Philipp Ahner & Mercé Bosch Sanfélix & Sandro Dalfovo & Tobias Rotsch & Lisa Werner
Hochschulen für Musik in postdigitalen Transformationen -
Tobias Rotsch
Extended Reality im Musikunterricht
Herausforderungen im Wissenstransfer -
Oliver Krämer & Philipp Lang
Was Musiklehrkräften an digitalisierungsbezogenen Fortbildungen wichtig ist
Ergebnisse einer Begleitstudie zu Gelingensbedingungen von Musiklehrkräftefortbildungen im Rahmen des Förderprogramms lernen:digital -
Kompetenzverbund lernen:digital
Projektsteckbriefe der beteiligten Musikstandorte
Freie Beiträge
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Matthias Handschick
Die Playlist meiner Tochter oder: „Mal seh’n, was passiert …“
Anmerkungen zum melancholischen Fatalismus im Deutsch-Rap der 2020er-Jahre
Freie Beiträge (Online)
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Daniela Neuhaus & Gabriele Puffer & Nicolas Uhl-Sonntag
Core Practices als neuer Ansatz der (Musik-)Lehrkräftebildung?
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Aufgrund der gesellschaftlichen Relevanz ist die Ausgabe DMP 109 auf der Website des Hildegard-Junker-Verlags frei zugänglich: "junker-verlag.com/dmp-109"
