Liebe Leserinnen und Leser,

 

im vorangegangenen Jahr erschien im vierten Quartal der Diskussion Musikpädagogik (84/2019) ein Glückwunsch zum 90. Geburtstag von Dankmar Venus, der auch seine Bedeutung als Zeitzeuge würdigte. Dies war eine wichtige Geste, nicht nur, weil damit Leistungen einer Person hervorgehoben werden, die nachweislich den musikpädagogischen Diskurs beeinflusst haben, sondern vor allem weil er Teil einer Erinnerungskultur ist, ohne die keine wissenschaftliche Disziplin auskommt.
Vor einigen Jahren steckten sich die Autoren und Herausgeber dieser Ausgabe das Ziel, Zeitzeugen in das gemeinsame Forschen und Nachdenken einzubeziehen. Viel zu häufig werden nämlich lediglich Texte als historische Quellen genutzt, nur selten wird auf Erzählungen und Berichte auch über sehr persönliche biographische Etappen zurückgegriffen. Es entstand ein Forschungsprojekt, bei dem Zeitzeugen der Musikpädagogik befragt werden. Ausgehend von Beobachtungen in der Gegenwart, werden dabei die bisher in verschiedenen Historiografien dargelegten Narrative der Fachgeschichte in Augenschein genommen. Damit wird auf eine eher neuere Form der historischen musikpädagogischen Forschung zurückgegriffen, die den Anspruch hat, auch die Gegenwart besser lesen und verstehen zu können. Dass dabei einige Zeitzeugen selbst auch eine gewisse Lust haben können, über ihre Vergangenheit zu erzählen, dokumentieren Autobiographien wie die (nicht frei von Kritik gebliebene) von Heinz Antholz über seine Erkenntnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse eines Betroffenen (1993), die (schön erzählten und bildlich vorstellbaren) Blicke aus 55 Jahren Entfernung: Kiel – Schleswig – Lübeck – Berlin von Christoph Richter (2015) oder schließlich auch die zahlreichen informellen und freundschaftlichen Gespräche mit den von uns interviewten Zeitzeugen. Sie kommen in diesem Heft zu Wort und stehen stellvertretend für viele emeritierte und pensionierte Musikpädagoginnen und Musikpädagogen, die wir gerne noch befragen würden.
Eine Besonderheit bei diesen Zeitzeugen ist freilich, dass sie nicht nur über ihr Erlebtes berichten können, sondern zugleich als Fachexperten eine wissenschaftliche Analyse mitliefern könnten und konnten. So haben wir uns zum einen treiben lassen von dem Erzählten und dem Analysierten und zum anderen dennoch weit darüber hinaus eigene systematische Überlegungen angestellt. Dass uns die Interview­ten diesen Freiraum gelassen haben, uns überhaupt ihr Vertrauen im Vorfeld gegeben haben, erleben wir als große Wertschätzung.
Obwohl die Breite der in den Interviews angesprochenen Themen groß ist, wird in den in dieser Ausgabe versammelten Aufsätzen versucht, eines der bisher ungelösten Probleme der Musikpädagogik, mindestens aber ein Thema mit hohem Anforderungsgrad an akademische Disziplin und Debattenkultur etwas stärker in den Blick zu nehmen: die auszuhaltende Spannung zwischen Musikdidaktik und musikpädagogischer Forschung. Diesem Thema haben wir uns in den vergangenen Jahren in besonderer Weise gewidmet. Zunächst führt es uns in die 1960er und 1970er Jahre als wichtige Etappe für die Etablierung der forschungsorientierten Facette der deutschen Musikpädagogik. Gleichwohl liegt der Ausgangspunkt unseres Erkenntnisinteresses in der Gegenwart. Und hier breitet sich vor den Augen von Betrachterinnen und Betrachtern eine weit ausladende Landschaft musikpädagogischer Forschungsarbeit aus, bei der nicht immer ganz klar ist, ob sie noch musikpädagogisch oder nicht eher sozial-, gar erziehungswissenschaftlich zu etikettieren sei. Diese holzschnittartige Darstellung ist zweifellos angreifbar. Sowohl die Inblicknahme der Erträge musikpädagogischer Forschung als auch deren erkenntnistheoretische Rahmungen stellen sich weitaus differenzierter dar, und so muss diese Skizzierung der Forschungssituation in unserem Fach notgedrungen sehr schemenhaft bleiben. Sie dient gleichwohl zur Schärfung und Konstruktion des (scheinbaren) Gegenbildes – der Musikdidaktik. Diese wartet mit konzeptionellen Ansätzen auf, die sich auch an der Faktizität der alltäglichen Praxis als Leitlinie musikpädagogischen Handelns orientieren müssen. 
Wenn die Spannung zwischen Forschungsorientierung und Anwendungsbezug eine stets gegenwärtige und womöglich akzeptierte Begleiterin des musikpädagogischen Fachdiskurses ist und wenn sie hin und wieder über Methodologien (z. B. Design-Based-Research oder Action Research) aufzulösen versucht wird, so bleibt die Anreicherung dieses Sachstandes sowohl durch historische Perspektiven als auch durch eine aktive und kontroverse Auseinandersetzung darüber immer noch ein Desiderat in der Fachdiskussion. 
So betrachtet, zeitigen die hier vorliegenden Texte und Interview­ausschnitte Erträge, die nur scheinbar nichts mit gegenwärtigen Situ­ationen und Herausforderungen zu tun haben, weil sie sich mit historischen (was für ein gewichtiges Wort!) Themen beschäftigen. Die Auseinandersetzung mit fachgeschichtlichen Entwicklungen, die im Zentrum dieser Ausgabe der Diskussion Musikpädagogik steht, ist weder verstaubt noch knorrig, sondern höchst lebendig und aktueller denn je. Wenn sich aus dem fachlichen Diskurs – und das heißt im kollegialen Gespräch, bei der Literaturrecherche oder schlicht beim Anhören von Erzählungen – ganz plötzlich Fragen ergeben, dann wollen sie beantwortet werden. Und ein solches Bündel an Fragezeichen entstand bei uns im Verlauf der letzten Jahre. Einige Antworten aus unserem Forschungsprojekt werden in den Aufsätzen d