Überlegungen zur künstlerischen Ausbildung von Musiklehrern und zum künstlerischen Handeln im Musikunterricht

 

Liebe Leserinnen und Leser,

 

die erste Ausgabe der „Diskussion Musikpädagogik“ des neuen Jahres – das 77. Heft seit 1999 – greift ein Thema auf, das in der Entwicklung der Musiklehrerausbildung immer wieder zu Diskussionen führt: Es handelt sich um den künstlerisch-musikalischen Ausbildungsbereich, seinen Umfang und seinen Anspruch.
Die Argumente, Einstellungen und die Überlegun­gen zur Nützlichkeit gehen hin und her, liegen bisweilen weit auseinander oder rücken mehr zusammen. Die verschiedenen Betroffenen – die Studierenden, die Lehrer und Lehrerinnen der künstlerischen Fächer, die Lehrer und Lehrerinnen in den Schulen, die Hochschuldidaktiker, die Historiker und Theoretiker der Musikwissenschaft – schießen zum Disput aus ihren unterschiedlichen uneinnehmbaren Festungsmauern mehr oder weniger spitze Pfeile ab.
Die Gründe für den Dissens liegen einerseits in der Aufgabenfülle und Weitläufigkeit des Fachverständnisses für den schulischen Musikunterricht, andererseits aber leider auch im künstlerischen und im wissenschaftlichen Selbstverständnis der Lehrenden. Was den ersten Grund betrifft, fehlt es an einem stimmigen Konzept für die Funktion des Musikunterrichts im heutigen vielfarbigen Musikleben. Der zweite Grund rührt an das eher missliche künstlerische Selbstverständnis der Ausbildungsinstitutionen.
Solange die Lehrerinnen und Lehrer für den Unterricht in den Grund- (und Haupt-)schulen in eigenen Institutionen studierten – in Pädagogischen Hochschulen, die heute nur noch im Süden (wenn überhaupt) blühen – war die (immer sogenannte) künstlerische Ausbildung im Hinblick auf die Schularten und Klassenstufe klar, wenn auch fragwürdig geregelt. Inzwischen hat sich jedoch, fast 100 Jahre nach den Kestenbergreformen, mindestens viererlei geändert:

 

  • Die institutionelle Umgestaltung der Ausbildungsstätten (der Hochschulen) bringt es mit sich, dass im Prinzip alle Lehramtsstudierenden für das Fach Musik gemeinsam und Gemeinsames studieren. (im Norden mehr als im wärmeren Süden).
  • Der Musikunterricht kümmert sich heute – ebenfalls prinzipiell – um alle Facetten des mittlerweile bunten und fast grenzenlosen Musiklebens, der Musik-Erscheinungen und der öffentlichen Angebote.
  • Der Musikunterricht hat seinen handelnden Schwerpunkt in die Richtung des praktischen Musizierens verschoben, wo immer es möglich ist.
  • Die fast weltweite Beschäftigung mt dem sogenannten „Ästhetischen“ eröffnet dem Musikunterricht neue und weitgespannte (oft: philosophische) Erörterungen über das Wesen, die Funktion und die Gestaltbarkeit der Künste und ihrer Bedeutung in der Erziehung.

 

Die in diesem Heft zusammengestellten Artikel versuchen, die Frage nach dem künstlerischen Anspruch zu stellen und aus unterschiedlicher Sicht zu beantworten. Zu hoffen ist, dass sie zu der überfälligen Erörterung beitragen. Wir befinden uns im Erbe von Leo Kestenberg, sind aber aufgerufen, seine dankenswerten Bemühungen zu renovieren.

 

Christoph Richter

DMP 77: Überlegungen zur künstlerischen Ausbildung von Musiklehrern und zum ...

Artikelnummer: DMP-Heft-77
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  • Das Wort zum ersten Quartal

    • Christoph Richter
      In die Schule!
      Durch das hohe und hehre Portal der Didaktik oder durch den fachlichen Seiteneingang? 

    Überlegungen zur künstlerischen Ausbildung von Musiklehrern und zum künstlerischen Handeln im Musikunterricht

    • Christoph Khittl
      Schon wieder „Verständige Musikpraxis“?
      Erweitert um die Dimension  der ‚phronesis’
    • Christoph Richter
      Über den Nutzen der künstlerischen Studienfächer im Musiklehrerstudium
    • Hans-Ulrich Schäfer-Lembeck
      Pädagogische Professionalität und Künstlerisches Lehramt Musik
    • Martina Krause-Benz
      Musiklehrer als Künstler?
    • Christine Löbbert
      Der Musiker als Lehrer
      Betrachtungen zum Film „La Mélodie – Der Klang von Paris“
    • Daniela Bartels
      Wie können wir Jugendlichen die Möglichkeit geben, im Musikunterricht künstlerisch zu handeln?
    • Stefan W. Hiby
      „Bergspitzen schweben nicht frei …“
      Überlegungen zur Musikpädagogik nach John Dewey

    Freie Beiträge

    • Philipp Reisner
      Chinesische klassische Musik als fächerübergreifende Kulturerfahrung im Unterricht der Sekundarstufen
    • Silke Schmid & Peter Knodt
      Unterricht als gemeinsames Spiel
      Zur Professionalisierung didaktischer Handlungen im Instrumentalunterricht