Liebe Leserinnen und Leser,

 

Musik ist immer auch durch Bewegung bestimmt und wird als Bewegung erlebt. Das wird auf mehrfache Weise deutlich. Ich nenne vier Arten der musikalischen Bewegung oder der durch Bewegung angeregten Musik:
Musik durchläuft stets eine Strecke der realen Zeit; ihre Dauer lässt sich in Sekunden, Minuten, Stunden messen. Musik bewegt sich ferner auch in einer künstlichen Eigenzeit, gemessen oder zu messen in Metronomzahlen. Viele Komponistinnen und Komponisten legen den Verlauf und die Dauer ihre Werke metronomisch fest; aber nicht alle Musizierenden halten sich an diese Vorgaben. Die musikbezogene Zeit – ihr Tempo – bestimmt, neben anderen kompositorischen Mitteln, den Charakter einer Musik oder trägt zumindest zu ihm bei. Die Musizierenden haben in dieser Hinsicht einen Spielraum oder legen ihn selbständig fest. Solche Veränderungen können die Struktur oder das Erleben neu bestimmen. Außer dem Tempo (der Grundgeschwindigkeit) sorgt auch das Innenleben einer Musik – drittens – für die Lebendigkeit der musikalischen Bewegung, indem verschieden lange Töne, Klänge, Verzögerungen, Beschleunigungen  und Pausen zu Bewegungsgestalten geformt werden.
Und schließlich setzt Musik ihre Spieler und Hörer in Bewegung – in seelische und in körperliche Bewegung oder Bewegtheit, zumeist in beides zugleich und komplementär. Die drei bisher genannten Bewegungsweisen oder -merkmale bewirken unsere eigene Bewegung oder Bewegtheit zu einer und durch eine Musik. Das führt zum Beispiel zu der Erscheinung, dass eine Musik für den einen langsamer bewegt erscheint als für eine andere.
Die Bewegungen der Spieler und der Hörer, die von den musikbezogenen Bewegungen ausgelöst werden, führen zu unterschiedlichen Bewegungsreaktionen – zu Tänzen (oder: zum Tanzen); zu frei gestalteter Choreografie (berühmtes Beispiel: John Neumeyers getanzte Matthäuspassion); zu unbewussten Bewegungen – durchaus nicht nur von Säuglingen; zu einfachen bis primitiven Körperreaktionen; zu inneren Bewegungsgefühlen; oder auch zum Dirigieren im stillen Kämmerlein.
Mir scheint es wichtig, auf die innere Bewegtheit zu achten, das heißt sie einerseits ‚gehen’ zu lassen, sie andererseits aber auch zu vergegenwärtigen. Das steigert das Genießen und Erleben von Musik.
Was viel zu oft übersehen und versäumt wird, ist die Tatsache, dass Bewegung ein Teil von Musik ist und dass deshalb die innere Bewegtheit, die äußere Bewegung und auch die Beschäftigung mit diesem Phänomen zum Verstehen von Musik beitragen. 
Die verschiedenen Beiträge dieser Ausgabe machen die­se Beschäftigung als eine musikpädagogische Aufgabe deutlich und sind als Aufforderung zu verstehen, sie als Chance in den Musikunterricht einzubeziehen. Besonders deutlich wird diese Chance durch den Bericht von Hanna Frentz, einer ehemaligen Schülerin, die den Gewinn der praktischen Bewegung durch Musik hervorhebt.
Dem Kollegen Christoph Stange sei für die Idee dieses Themenheftes und für seine unermüdliche Hilfe bei ihrer Gestaltung herzlich gedankt.

 

Christoph Richter

DMP 65: Musik bewegt

Artikelnummer: DMP-Heft-65
13,40 €Preis
inkl. MwSt. |
  • Das Wort zum ersten Quartal

    • Christoph Richter
      Musikpädagogik als Küche des Wissens
      Das Wort zum ersten Quartal

    Musik bewegt

    • Christoph Stange
      Musikbezogene Bewegung
      Zur Integration von Bewegung in einen musikpädagogischen Rahmen
    • Holmrike Oesterhelt-Leiser
      „Was uns bewegt“
    • Michael Rappe & Christine Stöger
      Breaking oder die Verpflichtung, seinen eigenen Stil zu entwickeln
    • Monika Woitas
      Hörbare Bewegung
      Ballettmusik als kompositorische Herausforderung
    • Christoph Richter
      Bewegtheit und Bewegung in der Beschäftigung mit Musik
    • Barbara Alge
      Der Dança dos Pauliteiros: Vom Material zum Konzept
    • Hanna Frentz 
      Ordnung und Chaos
      Musikunterricht auf eine andere Art 

    Serie: Musikpädagogische Texte aus früherer Zeit

    • Andreas Höftmann
      Macht Musikerziehung glücklich?
      Eine Annäherung an Aristoteles‘ Politik VII/VIII

    Freie Beiträge

    • Elias Zill
      Was Schüler an ihren musikalischen Produkten als bedeutsam einschätzen
      Ergebnisse einer qualitativen Studie zu musikalisch-ästhetischen Erfahrungen im Kontext produktionsorientierter Schulprojekte
    • Kerstin Unseld
      „Musik ist auf manische Art auf Kommunikation angewiesen“
      oder: Warum die klassische Konzerteinführung ausgedient hat