Liebe Leserinnen und Leser,

 

die hier vorgelegte Ausgabe unserer Zeitschrift hat eine ungewöhnliche Anlage, und sie ist auch auf ungewöhnliche Weise zustande gekommen. Im Frühjahr dieses Jahres schickte Christopher Wallbaum einen Beitrag an die Redaktion, der für unsere Gepflogenheit zu lang zu werden drohte und der auch noch nicht fertig war. Das Thema aber war interessant und schien mir wichtig. Es behandelte die Entwicklung, den Stand und die Probleme der intereuropäischen und internationalen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der praktischen und der theoretischen Musikpädagogik. Die Darstellung der aufblühenden Zusammenarbeit zwischen den Ländern erwies sich jedoch als viel zu umfangreich und vielerorts noch zu sehr als Baustelle, um ihr Bild in einem Beitrag erfassen zu können.
Nach längeren gemeinsamen Überlegungen, wie das reich sich entwickelnde Gebiet einer internationalen Musikpädagogik beschrieben und gewichtet werden könnte, entstand das Konzept, welches – hoffentlich als Gewinn für unsere Leser – hier vorgelegt wird:
Wir fanden rund 20 Kolleginnen und Kollegen, die bereit waren, ihre Erfahrungen und ihre internationalen Tätigkeiten auf (ungefähr) je einer Doppelseite der Zeitschrift darzustellen.
Manche taten sich zusammen, einige kamen aus anderen Ländern. Nach manchem Hin und Her wurden die Regeln des Beitragsumfangs und des verabredeten Termins eingehalten (was manchem schwer fiel). Den Rahmen lieferten ein Basisbeitrag und eine Art Conclusio von Christopher Wallbaum, dem die Zeitschrift die Ausgangsidee verdankt. Dafür und für seine Mitbetreuung des Heftes sei ihm herzlich gedankt!
Das Ergebnis dieser Massenbeteiligung ist vielseitig und sehr unterschiedlich zu beurteilen. Manche Beiträge berichten über persönliche Erfahrungen in anderen Ländern; manche beschäftigen sich mit Sprach- und Denkproblemen, viele beschreiben einfach, wie die internationale Arbeit und Zusammenarbeit abläuft. Zu Inhalt und Anlage des Themas scheinen mir zwei Anmerkungen angebracht:

  1. Nicht erst seit Bologna, Lissabon und Brüssel hat die mögliche Zusammenarbeit der Länder das Interesse der praktischen und theoretischen Musikpädagogik gefunden und eine reiche Konjunktur entfacht. Vielmehr gab es schon bald nach dem Kriegsende von 1945 an in wachsendem Maße Begegnungen und Überlegungen zwischen vielen Ländern. Sie sind verbunden mit den Namen Sigrid Abel-Struth, Egon Kraus, Bernhard Binkowski, Walter Gieseler, Richard Jakoby, Wolfgang Roscher, Wilfried Gruhn und vielen anderen. Sie sind verknüpft mit Institutionen wie der ISME, den ARGE Süd und Nord, dem VDS und mit vielen persönlichen Freundschaften. Die musikalische Jugendarbeit, der EAS, die Förderungen nach dem Erasmus-Progamm und ähnlichen Einrichtungen verstärkten den Drang über die Grenzen in fast alle Himmelrichtungen.
  2. Wie die hier veröffentlichten Beiträge zeigen, beschäftigt sich die internationale Musikpädagogik (noch?) vorwiegend mit organisatorischen Fragen und Formalitäten der Zusammenarbeit, um (hoffentlich) eine Basis für Zusammenarbeit auch im Inhaltlichen zu gestalten. Ein besonderer Schwerpunkt entwickelte sich in der Wissenschaft der Musikpädagogik (oder was dafür gehalten wird). In vielen Fällen werden die Schwierigkeiten und die Möglichkeiten der sprachlichen und begrifflichen Gemeinsamkeit erörtert (insbesondere zwischen den philosophischen Begriffen in der englischen und deutschen Terminologie).
    Der bisherige Diskussionsstand betrifft die Möglichkeiten, verschiedene Traditionen, musikpädagogische und musikbezogene Tätigkeiten kennenzulernen, zu übernehmen, zu verändern, anzureichern, zu erproben. Die internationale Musikpädagogik wird auch nicht ohne Reise- und Abenteuerlust belebt.
    Als die ersten Beiträge eintrafen, war ich zunächst ein wenig enttäuscht über den Überhang an Formalitäten der Zusammenarbeit gegenüber der Auseinandersetzung mit Musik und dem Umgang mit ihr. Dann aber änderte sich das Verhältnis zwischen Organisation, Politik und Wissenschaftsbetonung und – auf der anderen Seite – der Auseinandersetzung mit Musik in vielen länderbezogenen Facetten.
    In die Zukunft gesprochen wünsche ich ein wachsendes Gewicht des musikbezogenen Diskurses zwischen den Menschen der verschiedenen Länder. Vieles von dem, was nach diesem ersten Versuch einer gemeinsamen Übersicht über die internationale Zusammenarbeit erst noch vorbereitet werden muss, sollte übergehen in praktische Bemühungen, noch stärkere Beziehungen zwischen Menschen verschiedener Länder zu stiften. Dann kommt vielleicht in die musikpädagogischen Bemühungen auch eine Prise allgemeinen gegenseitigen Verständnisses und Friedlichkeit in die Gemeinsamkeiten. In Zukunft sollte vielleicht weniger über eine internationale Musikpädagogik geschrieben werden, sondern mehr von ihr. 

 

Christoph Richter

DMP 60: Internationale Musikpädagogik

Artikelnummer: DMP-Heft-60
13,40 €Preis
inkl. MwSt. |
  • Internationale Musikpädagogik

    • Christopher Wallbaum
      Internationale und nationale Musikpädagogik
      Ein Blick aus Deutschland (Basisartikel)
    • Øivind Robert Varkøy & Hanne Fossum
      Norwegische Musikpädagogik
      zwischen Skandinavisch, Deutsch und Englisch
    • Thade Buchborn
      EAS Doctoral Students Forum
    • Bernd Clausen
      Komparative musikpädagogische Forschung und Differenzerfahrung
    • Bernd Fröde
      Discoveries – Explorations – Musical Interaction
      Internationales Lehren und Lernen in der Schulmusik an der Hochschule für Musik und Theater Rostock
    • Stefan Gies
      Zum Verhältnis zwischen Musikschule und allgemeinbildender Schule
    • Alexandra Kertz-Welzel
      Internationalisierung und Interkulturalität
      Der Beginn eines notwendigen Dialoges
    • Robert Lang & Jörg-U. Keßler
      European Music and Language Portfolio
    • Andreas Lehmann-Wermser
      Multikulturelles in internationalen Netzwerken
      Erfahrungen mit einem Online-Seminar
    • Georg Maas & Yudi Sukmayadi
      Internationale Doktorandenbetreuung
      Erfahrungen im Rahmen eines indonesischen Promotionsprojekts
    • Franz Niermann
      International aktiv sein – warum und wozu?
      Gedanken nach vielfältigen Erfahrungen europa- und weltweit
    • Monika Oebelsberger
      Fulbright-Gastprofessur
      eine vielschichtige und bereichernde Erfahrung
    • Stefan Orgass
      Das Forum Europäische Musikpädagogik (FEMP)
      Eine Reflexion zur persönlichen Motivation für musikpädagogische Forschung in europäischer Perspektive
    • Steffen Reinhold
      Schüler komponieren – transnational
    • Christian Rolle
      Blicke über Tellerränder
      Musikpädagogik aus internationalen Perspektiven
    • Gerhard Sammer
      Internationale Studierendenforen
      Schlüsselerlebnisse für zukünftige Musiklehrerinnen und Musiklehrer
    • Eva Verena Schmid
      Musikunterricht mit Perspektive?
      Ein kritischer Blick auf die Musikpädagogik in Italien
    • Maria Spychiger
      Interview für Diskussion Musikpädagogik
      (Interviewer: Christopher Wallbaum)
    • Christopher Wallbaum
      Zur Praxis des Musikunterrichts in Europa
      Eine Erhebung mit Videos und drei Reflexionen

    Freie Beiträge

    • Jürgen Oberschmidt
      Ein Plädoyer für die Muße
      Gedanken zu einem kontemplativen Musikunterricht