Liebe Leserinnen und Leser,

 

das Thema der dreißigsten und zugleich der zweiten Ausgabe dieser Zeitschrift aus dem Hildegard-Junker-Verlag lautet, ausführlicher formuliert „Die neuen Medien, die Musikpädagogik und der Musikunterricht.
Behandelt werden, nach einem Grundsatzbeitrag von Iwan Pasuchin, Fragestellungen, die die Unterstützung der neuen Medien für bestimmte Bereiche des Musikunterrichts untersuchen. Konkret geht es um die Darstellung und Erörterung von Möglichkeiten, den Computer, das Internet und was an praktischen Tätigkeiten mit ihnen verbunden ist, hilfreich für die Aufgaben des Musikunterrichts zu nutzen. Die Autoren haben ein buntes und breites Programm zusammen gestellt: wie der Computer für das Musiklernen eingesetzt werden kann, wie mit seiner Hilfe Versuche der Musikerfindung ablaufen können, wie der Computer die Beschäftigung mit Filmmusik bereichern, wie das Hören durch ihn gefördert werden kann und andere Themen mehr.
Längst sind Versuche wie die in diesem Heft beispielhaft dargestellten diskutiert und erprobt worden – freilich wohl mehr in den Hochschulen als in den Schulen, die weder finanziell noch didaktisch auf die medialen Möglichkeiten hinreichend gerüstet sind.
Mit dem Einsatz der elektronischen Medien und mit Möglichkeiten von „Multimedia“ durch diese Medien gelangen Innovationen in den Unterricht, die mehr sind als modische und austauschbare Unterrichtsmethoden. Vielmehr weiten sie den herkömmlichen engen Begriff von Musik und Kunst, indem sie den Zusammenhang und die gegenseitige Bereicherung der verschiedenen Sinneswahrnehmungen verdeutlichen. Auch regen sie dazu an, die traditionell getrennten Kunstsparten zusammen zu führen. Und sie bieten neue Möglichkeiten für eigene praktische Tätigkeiten an, die dann zu begrüßen sind, wenn sie nicht als allein seligmachender Königsweg verstanden, sondern in ihren Grenzen gehalten werden.
Bei den Überlegungen zum Editorial zu dieser Ausgabe fiel mir ein, dass vor 19 Jahren schon einmal ein Themenheft zum Thema „Medien im Unterricht“ erschienen ist, damals in der Zeitschrift „Musik und Bildung“ (Heft 7/8, 1987). Damals hatten wir, außer einem Grundsatzartikel zum „Begriffsfeld: Mittel – Mittler – Medien – Vermittlung“, Beiträge über „Der Schüler als Medium im Unterricht“ (Ulrich Günther), „Musik als Medium im Musikunterricht“ (Peter Becker), „Die Sprache als Medium im Musikuntericht“ (C. R.) und zum „Schulfernsehen Musik“ (Henning Bergmann) unter dem Aspekt einer Kritik des Medien- und Vermittlungsbegriffs, zusammengestellt. Einer der Hauptgedanken beschäftigte sich mit der Frage, wie und wie sehr die Medien, die ja „etwas“ und „zwischen etwas“ vermitteln sollen – sei es die Tafelkreide oder das Sprechen von und über Musik; sei es das Notenbild, die Analyse; die Formenlehre oder die Notation; sei es das Vorbild des Lehrers, der Mitschüler oder die Musikwiedergabe von der CD ... –  wie sehr alle diese Medien sich zu Gegenständen verselbständigen und plötzlich zu mit Zielen verbundenen Unterrichtsgegenständen werden können. Eine andere kritische Frage richtete sich auf die Tatsache, dass und wie die verschiedenen Medien – verstanden als Werkzeuge, mit deren Hilfe „Gegenstände“ erkannt, erlebt und verstanden werden können – diese Gegenstände (eine Sinfonie, eine musikalische Struktur, einen Klang ...) definieren und interpretieren, sei dies nun beabsichtigt oder nicht.
Diese kritischen Anfragen an den Nutzen, an die Wirkung und an Verselbständigungstendenz der Medien müssen sicher auch (und wegen ihrer allgemeinen Verfügbarkeit und Faszination) auch an die elektronischen Medien gestellt werden. Auch die Schülerinnen und Schüler sollten nicht bei der Euphorie über das, was die Medien für jede und jeden alles möglich machen, zufrieden stehen bleiben. Deshalb  lohnt sich vielleicht ein Rückblick in die alten Zeiten von „Musik und Bildung“.
Damit bin ich bei der Artikel-Serie, die „Diskussion Musikpädagogik“ seit einigen Ausgaben anbietet: „Aus Geschichte lernen?“ Wir haben eine Reihe von musikdidaktischen Konzepten in Erinnerung gerufen (für viele sind es vermutlich Erstbegegnungen). In dieser Ausgabe finden Sie den vorletzten Beitrag, die Beschäftigung von Thomas Ott mit dem einst Aufsehen erregenden Konzept der „auditiven Wahrnehmungserziehung“, das an Hartmut von Hentigs „ästhetische Wahrnehmung“! anschloss und im Unterrichtswerk „Sequenzen“ in die Schulen gelangte. Gegenüber den Schulbüchern von heute, die von wenigen geschrieben werden und die sich unternehmensgerecht strikt an amtliche Vorgaben halten, erscheinen die „Sequenzen“ als eine unerhörte Pionierleistung einer großen Gruppe von Musikpädagogen – mit aller Konsequenz, sodass ein Scheitern nicht ausblieb. Die Ironie der Fachgeschichte freilich zeigt, dass ihre Ideen noch heute vielerorts anzutreffen und lebendig sind.
Die Autoren des Medien-Themas haben in ihrer schöpferischen Begeisterung recht lange Texte geschickt und sich gegen Kürzungen resistent gezeigt. So erfreulich die Mitarbeit auch ist – sie bringt mit sich, dass wir einige der freien Beiträge zurückstellen mussten. Zu ihnen gehören eine Darstellung des Aufbaustudiengangs „Neue Medien und Multimedia“ in Salzburg  (Iwan Pasuchin), die Frage nach der musikpädagogischen Forschung (Wilfried Gruhn) und ein Beitrag über den Starkult von Kathrin Doblinger. Sie erscheinen in Heft 31.

 

Christoph Richter

DMP 30: Medienpädagogik

Artikelnummer: DMP-Heft-30
13,40 €Preis
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  • Das Wort zum zweiten Quartal

    • Mechtild Fuchs
      „Mensch, Natur und Kultur“ statt Musik

    Medienpädagogik

    • Iwan Pasuchin
      Musik-Medien-Pädagogik
      Theoretische Fundierung und Zukunftsperspektiven im Zeitalter von Multimedia
    • Heiner Klug
      Auditive Traditionen
    • Georg Maas
      Angewandte Musik als Ausgangspunkt musikalischer und medienbezogener Lernprozesse am Beispiel Musik und Film
    • Bernd Enders
      Musiklernen am Computer
    • Niels Knolle
      Klingeltöne im Musikunterricht?
      Zur musikkulturellen Selbstprofessionalisierung von Jugendlichen als Herausforderung für die Musikpädagogik 
    • Matthias Rheinländer
      Und doch kein Blindflug
      Überlegungen zur Ges